Kirchborchen.
Vier Wochen lang stand MARIA im Mittelpunkt der Ausstellung „Dorf trifft Maria“ in der St. Michaelskirche zu Kirchborchen.
Es ist der AG „Alte Kirche – neu gedacht“ gelungen eine ungewohnte Sammlung moderner Darstellungen und Exponate nach Borchen zu holen. Aus der Privatsammlung „Maria ImPuls der Zeit“ von Herrn Reinhold Berger aus Warendorf stammen die meisten Leihgaben. Wer Zeit gefunden hat diese außergewöhnliche Ausstellung zu besuchen, war sichtlich überrascht über die Vielfalt der Mariendarstellungen. Die Pieta von Josef Rikus und das „Fenster“ von Susanne Klinke (neulich erst in der Gaukirche zu sehen gewesen) ergaben mit dem Kreuzweg des Ettelner Künstlers Alfons Bickmann und weiteren modernen Pietas künstlerische Zugangschancen zur Frage „Wer ist Maria?“. Ein besonderes Highlight wartete außerdem im Ausstellungsraum: Eine historische Marienfigur der bekannten Bildhauerin Gertrud Gröninger, die sich bereits seit dem Jahr 1912 als Dauerleihgabe der Kirche St. Michael im Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn befindet.
Maria gehört in der christlichen Kunst - ob mit Krone oder auf einer Mondsichel, meist mit Jesuskind, manchmal mit ihrer Mutter Anna oder dem Vater Joachim (beides in Kirchborchen von der barocken Künstlerin Gertrud Gröninger zu sehen), im blauen oder goldenen Gewand, lächelnd oder weinend - zu den meistabgebildeten Motiven und ist berühmter als jede bekannteste Schauspielerin der Filmbranche. Zwei Themenabende mit Annalena Müller führten den Betrachter kunsthistorisch in einen atemberaubenden Umformungs- und Wandlungsprozess einer Marienfigur, die abhängig von der jeweiligen Zeit unterschiedlich tradiert wird.
„Was passiert, wenn spirituelle Bräuche ihrer Wurzeln beraubt werden?“ Mit dieser Frage fesselte die Literaturwissenschaftlerin Annalena Müller ihr lokales Publikum. Im Fokus ihres Vortrags stand zunächst das Phänomen des sogenannten „Plastikschamanismus“ der 1980er-Jahre. Müller erklärte anschaulich, wie in unserer Zeit massenhaft Rituale aus fremden Religionen adaptiert wurden. Das Problem dabei: Die tiefere Anbindung an die ursprüngliche Religion fehlt völlig. Die Bräuche werden dadurch oberflächlich und austauschbar. Als Gegenbewegung und Lösungsansatz beleuchtete die Expertin das Sammeln von „Marias“ – traditionellen christlichen Motiven. Dies sei kein verstaubter Kitsch, sondern ein bewusster Versuch, echte Anknüpfungspunkte zu finden. Das Ziel: Die Menschen sollen dadurch ihre eigenen, historisch gewachsenen Rituale der christlichen Religion wiederentdecken, statt fremde Kulturen zu kopieren. „Wir holen uns Maria zurück!“, so der Ansatz der Literaturwissenschaftlerin. Kompetenz zeigte sie dabei den jeweiligen Kontext der Zeit auf: Maria der Gotik ist z.B. emotional stark mit ihrem Kind verbunden (gut zu sehen bei den böhmischen Madonnen auf den Darstellungen der Fotografin Sabine Wandt). Die mittelalterliche Darstellungsweise nutzt farbliche Gestaltung der Rot-, Gelb- und Blautöne und Gold, und stellt Maria (wie am Paradiesportal des Paderborner Domes) als tragende Säule des Hauses heraus. Die gotische Meisterleistung verbindet so strahlende Farben mit tiefer Historie und macht Maria zur Brücke zwischen vorchristlichen Mythen und gelebtem Glauben. Maria ist zugleich – wie anhand vieler Muttergottheiten aus altem Ägypten zu sehen war - Trägerin eines noch älteren, vorchristlichen Glaubens.
Neben den ägyptischen Muttergottheiten offenbaren sich bei genauerem Hinsehen weitere verblüffende Parallelen zur Antike. So weist die Darstellungsart der ägyptischen Himmelsgöttin Nut mit ihrem charakteristischen Sternenmantel deutliche Parallelen zur klassischen Ikonografie der Gottesmutter Maria auf.
Ein radikales Umdenken fordert zudem der Blick auf das Symbol der Schlange. Während das Tier im Christentum theologisch fast ausschließlich mit dem Bösen und dem Sündenfall verknüpft wird, verbirgt sich dahinter in älteren Religionen etwas ganz anderes: Es steht für das Zyklische, die Erneuerung und die Lebensphasen der Frau.
Diese tiefgründige Symbolik spiegelt sich auch in der Darstellung menschlicher Reifung wider. Die schmerzhafte Transformation des paradiesischen Menschen, wie sie eindrucksvoll an der barocken Madonna im Paderborner Dom zu sehen ist, lässt sich im uralten Symbol der sogenannten „Drachenzeit“ wiederentdecken – ein Sinnbild für den schmerzvollen, aber notwendigen Wandel im menschlichen Leben. Auch die Pieta als Hoffnungsbild wurde mithilfe der traditionsreichen Darstellungen der Kunst kompetent von Frau Müller thematisiert.
„Einen so engagierten und zugleich informativen Vortrag haben wir in unserer Kirche nur selten erlebt.“ Mit diesen Worten fassten viele Besucher den Eröffnungsabend mit Pastor Haase zusammen. Anschaulich und mit großer Leidenschaft zeigte er auf, wie sich Tradition und Innovation in der Wallfahrt miteinander verbinden lassen. Besonders eindrucksvoll waren die Zahlen aus den 1950er- und 1960er-Jahren: Damals pilgerten jährlich nahezu 100.000 Wallfahrer nach Werl. Viele nahmen Fußmärsche von bis zu 120 Kilometern auf sich und machten sich Jahr für Jahr erneut auf den Weg. Doch auch die Wallfahrtsstadt Werl bleibt vom allgemeinen Rückgang der Besucherzahlen nicht verschont. Wie kann darauf reagiert werden? Pastor Haase stellte zwei Wege vor, die in Werl bewusst parallel verfolgt werden. Zum einen wird die traditionelle Wallfahrt konsequent gepflegt. Täglich findet um 10 Uhr die Heilige Messe statt, ebenso werden jeden Tag Beichtgelegenheiten angeboten. Nach wie vor kommen zahlreiche Pilgergruppen nach Werl, darunter Vertriebenenverbände wie die Ermländer und schlesische Gruppen. Auch viele portugiesische Gläubige feiern dort regelmäßig mit ihrer Fatima-Madonna die Heilige Messe.
Zum anderen setzt Werl auf neue und kreative Formen der Wallfahrt. Große Resonanz finden beispielsweise Trecker-, Auto- und Fahrradsegnungen. Selbst die jüngsten Besucher dürfen mit ihren Bobbycars in die Kirche kommen – ein Bild, das man sich in Borchen erst einmal vorstellen muss. Mit Kindern wird jedes Jahr aus Legosteinen eine Krippe gebaut, und Teile des ehemaligen Franziskanerklosters wurden zu einem Pilgerheim umgestaltet. Darüber hinaus werden begleitete Pilgerwege angeboten. Wer Abstand vom Alltag sucht, kann persönliche Auszeiten im Kloster verbringen. Besonders Jugendliche werden gezielt angesprochen, da gerade bei ihnen häufig Sinnfragen und der Wunsch nach Gemeinschaft und Austausch spürbar sind. Dabei besteht jederzeit die Möglichkeit, mit Mitgliedern des Seelsorgeteams persönliche Gespräche zu führen.
Am Ende seines Vortrags stellte Pastor Haase die entscheidende Frage: Welcher Weg wird die Zukunft der Kirche prägen – der traditionelle oder der innovative? Seine Antwort fiel offen aus: Er wisse es selbst nicht. Deshalb müsse die Kirche den Mut haben, beide Wege zu gehen.
Beim anschließenden Austausch wurde nicht nur nach diesem Vortrag lebhaft weiterdiskutiert. Die Besucher aller Themenabenden nutzten die Einladung der Veranstalter, die Alte Kirche als Raum für Begegnung und vertiefende Gespräche wahrzunehmen.
Bischof Franz-Josef Bode hat einem zahlreichen Publikum beim Gang durch die Ausstellung mit seinen theologischen Hinweisen die Augen für die marianische Vielfalt der Darstellungen eröffnet. Moderne Mariendarstellungen besitzen nach seiner Meinung dabei eine eigene starke Ausdruckskraft und zeugen von der ungebrochenen Anziehungskraft der Mutter Jesu auf Künstler und Bildhauer noch heute. Novalis Zitat „In Tausend Bildern sehe ich dich“ begleitete quasi als „Wimmelbild“ die Entdeckungsreise des individuellen Blickes auf die heutige Maria.
Ein pädagogisches Beiprogramm für Schulen und kirchenmusikalische Veranstaltungen für Musikliebhaber haben die Ausstellung konzeptionell ins „Licht der Geschichte“ jeweils gezielt „rücken“ können. Das man die Ausstellung durch liturgischen Tanz spontan ergänzen kann, zeigte der Besucht der Grundschule Kirchborchen. Da sich Kunst gerade über die Musik hervorragend interpretieren lässt, setzte das Rahmenprogramm auf zwei kirchenmusikalische Andachten: Daniel Tappe wandelte das Magnificat in klangvolle Musik um und begeisterte vor allem durch die moderne Orgelinterpretation der Komposition von Marcel Dupré.
Das angekündigte Singen alter und neuer Marienlieder überraschte durch die Besucherzahl. Hieß es beim Rundgang mit Bischof Bode „Ich sehe Dich in Tausend Bildern, so besang das Publikum Maria in alten liebgewonnen Marienliedern und einigen modernen Fassungen, in Abwandlung des Zitats von Novalis: „Wir hören Dich in Tausend Klängen“. Dass ein Song der Beatles „Let It Be“ (als unerkanntes Marienlied der 70er) nicht fehlen durfte, überraschte das singfreudige Publikum aber doch ein wenig.
Wer nach dem Besuch der Ausstellung sich mit anderen über Maria austauschen (und dabei in der Eisdiele von Kirchborchen ein leckeres Eis schlecken) möchte, war eingeladen, vor der Kirche auf der Plauderbank Platz zu nehmen. Wer sich auf die „Plauderbank mit Mary“ setzte, hat nicht lange auf ein nettes Gespräch warten müssen. Das Team „Friedhofsplausch in Kirchborchen“ unterstützte in der Zeit der Ausstellung (am Alten Friedhof an der Alten Kirche) das besondere Angebot.
Und viele Besucher haben nicht nur geschaut, sondern auch etwas von sich selbst eingebracht: Erinnerungen, Geschichten, Vertrauen, Zeichen ihres Glaubens. Einige Marienfiguren wurden bereits zu Beginn der Ausstellung bei einer Mitmachaktion auf den Marienalter der Kirche gestellt. Sie stammen aus den Häusern und Familien der Borchener und Paderborner und beweisen eine enge Bindung zu Maria, die über Generationen hinweg getragen wurde. Zum Ende der Ausstellung wurde mit „Maria unterm Arm“ ein persönlicher Segen erteilt.
Unter der Federführung der Arbeitsgemeinschaft (AG) „Alte Kirche – neu gedacht“ begab sich die Gemeinde im Marienmonat Mai 2026 auf eine vielseitige Spurensuche: Was bedeutet Maria historisch und welche Rolle spielt sie für die Menschen im Hier und Jetzt? Das Fazit? Ein facettenreicher Monat, der zeigt, wie lebendig Tradition und persönlicher Glaube vor Ort miteinander verschmelzen können. Ein mutiges und ungewöhnliches Projekt, das die Gottesmutter im Mai ganz nahbar macht – getragen von moderner Kunst, der Musik und den persönlichen Schätzen der Gläubigen selbst.
Johanna Magiera-Rammert
